Die Music Support Group (MSG) hat gerade einen weiteren Standort eröffnet und zwar mitten in der Hauptstadt Berlin. Damit steuert das Musik- und Medienunternehmen, das von A wie Ausbildung bis Z wie Zeitschriftenverlag mittlerweile alles anbietet, weiter mit Vollgas durch die Branche. Das Erfolgsgeheimnis der MSG sind dabei clevere Netzwerke, effiziente Synergien und eine insgesamt optimistische Grundeinstellung.
Von Michael Nötges
Expandieren, positiv denken und voraus schauen, heißt die Devise von Rüdiger J. Veith, Geschäftsführer der MSG. Seit nunmehr 25 Jahren ist der Visionär in der Musik- und Medienbranche unterwegs und hat seither einiges auf die Beine gestellt. Dazu gehört auch die 1994 gegründete MSG, die in 15 Jahren zu einem der größten Full-Service-Dienstleister Deutschlands in der Musik- und Medienbranche heran gewachsen ist und mittlerweile über 14 verschiedene Firmen unter einem Dach vereint. Angefangen bei den Dorian Gray Studios in der Firmenzentrale in Eichenau über das eigene Presswerk Mastershome, die Akademie Deutsche Pop, die eigene Marketingagentur Publicmotion, das Musik- und Medienmagazin Music Supporter oder das Musik-Label MSGRecords, bietet die MSG von der Idee bis zu Vermarktung des fertigen Produktes alles an, womit sich im Musik- und Medienbusiness Geld verdienen lässt. Neben den Standorten in Eichenau, München und Köln steht jetzt Berlin auf dem Plan. Da die MSG in der Regel ihre eigenen Immobilien kauft und nicht bloß anmietet, hat Veith in Berlin Charlottenburg, in direkter Nähe zum Ernst-Reuter-Platz, zwei aneinander angrenzende Häuser erworben. Die alten Schulungsgebäude der Deutschen Bank wurden aufwändig renoviert und Büros, Schulungs- und Proberäume, Schnittplätze, ein Film- und Fotostudio und nicht zuletzt ein weiteres Dorian Gray Studio mit Regie und Aufnahmeraum geschaffen. Um mehr über den neuesten Streich des unermüdlichen Geschäftsführers zu erfahren, trafen wir Rüdiger Veith am neuen MSG-Standort in Berlin:
Herr Veith, kaum zu glauben, dass dies hier ein altes Schulungsgebäude der Deutschen Bank gewesen sein soll. Alles wirkt offen, modern und freundlich. Gelingt die Konzeption und Umsetzung von Standort zu Standort besser?
In Berlin haben wir jetzt alles, was wir in den letzten 25 Jahren bereits in Eichenau und München entwickelt und gelernt haben auf den Punkt und vor allem auch unter ein Dach gebracht. Das war beispielsweise in München undenkbar. Deswegen gibt es dort auch zwei räumlich getrennte Standorte, alles andere wäre unbezahlbar gewesen. Hier in Berlin haben wir jetzt alles, vom Foto- und Tonstudio über Probe- und Schulungsräume bis hin zur Kaffee-Lounge – was mir persönlich immer ein großes Anliegen war – in einem Gebäude-Komplex untergebracht. Dadurch können wir jetzt in Berlin alle Leistungen der MSG anbieten. Wobei hier teilweise nur die Akquise stattfindet und in München respektive Eichenau beispielsweise die Kreation und die Pressung einer CD ausgeführt werden.
Das hört sich nach kurzen Dienstwegen an.
Durch das Ineinandergreifen der unterschiedlichen Bereiche an einem Standort ergibt sich eine bessere, effektivere Auslastung der Räume. Das ist ein großer Vorteil gegenüber reinen Tonstudios. Deswegen können wir vieles zu sehr günstigen Konditionen anbieten. Sich heutzutage auf nur einen Bereich, wie beispielsweise Tonstudio, Presswerk oder Plattenfirma zu konzentrieren ist unheimlich schwer.
Sie setzen also nicht, wie man so schön sagt, auf nur ein Pferd, sondern gleich auf mehrere. Bei Geldanlagen würde man das als Risikostreuung bezeichnen. Wie sieht das konkret aus?
Wenn jemand bei uns ins Tonstudio geht, bucht er meistens zunächst das Recording und Mixing seiner Produktion. Dann erfährt er, dass wir beispielsweise auch Mastering und CD-Cover-Gestaltung anbieten und die Pressung auch noch von uns übernommen werden kann. Gefällt uns die Produktion machen wir gleich noch einen Deal im Vertriebsbereich. Wenn wir in möglichst vielen Bereichen aktiv sind, werden gleich mehrere Dienstleistungen in Anspruch genommen, was für die MSG natürlich gut ist. Der Kunde spart aber gleichzeitig auch, da wir ihm Pakete zu sehr guten Konditionen anbieten können. Wenn wir Glück haben sagt dann nach der Produktion vielleicht auch noch ein Bandmitglied: „Och, Medienmanagement hat mich schon immer interessiert“ und bucht einen Kurs in der Akademie. Dann ist unser Geschäftmodell voll aufgegangen.
Die Zeiten der großen Plattenverträge sind doch wohl auch bei der MSG lange vorbei, oder müssen Newcomer jetzt hellhörig werden?
Im Label und Verlagsbereich sind wir momentan auch sehr zurückhaltend, was Signings oder Veröffentlichungen angeht. Das Label MSG Forward geht sogar mittlerweile immer mehr dazu über, Dienstleistungen für Bands anzubieten. Wir stellen also in erster Linie unser Know-how zur Verfügung und kümmern uns dann um die Vermarktung des Künstlers vom Merchandise-Artikel bis hin zur Promotion. Immer mit dem Ziel, die bestmögliche mediale Wirkung für die Künstler herauszuholen. Das lassen wir uns zwar bezahlen, aber zu mehr als fairen Konditionen. Ein weiterer Vorteil ist, dass es bei uns Tonstudios auf unterschiedlichen Levels gibt. Jemand kann bei der MSG ab 100 oder 150 Euro ein kleines Studio mieten. Legt er noch hundert Euro drauf, ist er schon fast im professionellen Bereich. Die richtig großen Studios fangen ab 400 Euro in Berlin und 600 Euro pro Tag in Eichenau plus Tontechniker an. Dadurch gibt es also unterschiedliche Basis-Levels, je nach dem, was der Künstler gerade braucht. Will er nur ein Demo aufnehmen, mietet er eben nicht die Regie eins der Dorian Gray Studios in Eichenau, sondern bucht sich in eins der kleineren ein.
Wie fing Ihr Weg in der Musik- und Medienbranche denn vor 25 Jahren an? Mit einem Tonstudio?
Eigentlich nicht, ich wollte immer nur Musiker werden, was dann auch relativ schnell geklappt hat. Es war aber damals auch eine deutlich einfachere Zeit als heute und so habe ich als Musiker noch richtig gut Geld verdient. Dann, ich war gerade einmal 19 Jahre alt, bekam ich ein Dozenten-Angebot von einem großen Amerikanischen Institut, bei dem ich im Fach Gitarre unterrichten sollte. Mir wurde aber schnell klar, dass das nicht mein Weg ist und ich lieber in Deutschland bleiben wollte. Außerdem hätte ich einen ähnlichen Job auch hier bekommen können, wenn ich denn gewollt hätte, aber ich wollte kein Dozent werden. Zu dem Zeitpunkt interessierte mich Tontechnik mehr als das Gitarrespielen, das hatte ich dann ja auch schon ein paar Jahre erfolgreich praktiziert. Deswegen habe ich dann die Dorian Gray Studios gegründet und meinen Focus fortan mehr auf die Tontechnik gelegt und mich tiefer in die Materie eingearbeitet. So kam es dann eines Tages, als der eigentliche Techniker krank war, dass ich mich einfach selbst hinter das Pult gesetzt und aus der Not eine Tugend gemacht habe. Dem Kunden ge?elen die ersten Ergebnisse und wir beschlossen uns einen schönen Tag zu machen und einfach am Ende zu sehen, was dabei herauskommt. Das Ergebnis war eine Produktion, die direkt veröffentlicht wurde. In den folgenden Jahren habe ich dann rund 300 CDs produziert. Das ging plötzlich sehr schnell, obwohl ich das eigentlich in der Form gar nicht vorhatte.
Das waren dann also die Anfänge der MSG?
Sozusagen, das fand damals noch in der Regie drei der heutigen Dorian Gray Studios statt. Da es sehr gut lief, haben wir immer, wenn ein Raum des Gebäudekomplexes frei wurde zugeschlagen und Stück für Stück expandiert. So kamen wir zunächst zu einem MIDI-Studio für Vorproduktionen und dann zur Mastering-Suite. Dann verlagerte ich meine Tätigkeit immer mehr in Richtung Produzent und weg von der eigentlichen Tontechnik. Unweigerlich kam irgendwann die Frage auf, was eigentlich mit den ganzen Label- und Verlagsgeschichten ist und da es auch damals schon mit den Major-Firmen schwierig war, habe ich die eigene Plattenfirma mit angeschlossenem Verlag gegründet. Allerdings hat sich dieses Unterfangen als deutlich schwieriger als gedacht herausgestellt, denn es gehört doch deutlich mehr dazu, als einfach nur die Firma zu gründen. Das war eine ziemliche Herausforderung, was aber dazu geführt hat, dass ich sehr fit in Sachen Organisation, Management, Kalkulation und Marketing geworden bin. In diese Themen habe ich mich sehr lange eingearbeitet und so ging es dann weiter. Mir gefällt es immer wieder, etwas Neues aufzubauen, dazu zu lernen und mir neue Ziele zu stecken. Diese dann auch realistisch umzusetzen, ist für mich das Spannende an meinem Weg und deswegen ist die MSG auch so geworden, wie sie heute ist. Mittlerweile haben wir cirka 200 Mitarbeiter in den unterschiedlichen Bereichen, zu denen auch eine Werbeagentur im Musik- und Medien-Bereich, sowie ein eigenes Webradio gehören.
Wenn man sich die heutige Aufstellung der Music Support Group mit ihren 14 Tochterunternehmen anschaut, sieht man also sozusagen die Spuren Ihres Wegs durch die Medienlandschaft.
Ja, im Grunde sind das alles Stationen, die ich über die Jahre durchlaufen habe. Mich haben immer bestimmte Themen interessiert, oder aber es gab Probleme die gelöst werden mussten und das Ergebnis ist die MSG mit ihren zahlreichen Facetten.
Und dann haben sie gleich auch noch das Kaffee- und Mode-Label Moreve gegründet, um die eigene Bohne unters Volk zu bringen? Wie kam es zur eigenen Kaffee-Marke?
Jeder kennt eingebrannte Kaffee-Kannen, die schon seit Stunden den durchgelaufenen Trunk warm halten – keiner macht sie sauber, keiner stellt sie aus. Nach zahlreichen Produktionen, die teils bis spät in die Nacht gehen, sieht das dementsprechend aus. Unsere Kanne ist dann auch irgendwann geplatzt – zum Glück. Ich habe diesen Kaffee auch nicht wirklich vertragen und der eingebrannte Grind hat mich so geekelt, dass eine Lösung her musste. Also war das Ziel – etwas größer gedacht – insgesamt eine gewisse Kaffee-Kultur einzuführen. Wenn man schon sehr viel arbeitet und wenig schläft, dann sollte doch der Kaffe nach einer kurzen Nacht wenigstens ein Genuss sein. Also haben wir nach dem passenden Espresso gesucht bis wir schließlich nach einer längeren Testreihe, aus der ich mit flatternden Händen und Herzklabaster herausging, eine bestimmte Mischung gefunden haben. Der schmeckt wirklich gut und wir haben die Kaffeemaschinen extra an jedem Standort auf diese Sorte eingestellt. Das lustige ist: Neuerdings liest man in den ganzen Manager-Magazinen, dass es ganz wichtig ist, für die Mitarbeiter eine gute Kaffee-Kultur einzurichten. Da waren wir der Zeit wohl etwas voraus. Meine Devise ist einfach, wenn irgendetwas nervt, muss man sich eine Lösung überlegen, und so war das auch mit dem eigenen Kaffee. Außerdem hat er ein bisschen mehr Koffein und damit hält man ein wenig länger durch als andere.
Hier in Berlin gibt es jetzt ein zweites, neues Dorian Gray Studio. Wie sieht das konzeptionell auch in Bezug auf die Technik und Ausrichtung aus? Ist das neue Studio ein Klon der Regie eins in Eichenau?
Die Konstellation ist wieder die gleiche. Unser Studiochef Gerhard Wölfle, der auch schon das Studio in Eichenau konzipiert hat, war auch in Berlin wieder am Werk. Er hat seine weit reichenden Erfahrungen aus den Dorian Gray Studios, aber auch aus anderen deutschen und internationalen Top-Studios, mit eingebracht. Für die Akustikplanung ist Jochen Veith, der übrigens nicht mit mir verwandt ist, verantwortlich. Außerdem haben wir sehr eng mit den Leuten von PMC und SSL zusammengearbeitet, was sich bereits in Eichenau bewährt hat. Der wesentliche Unterschied ist, dass in Eichenau eine SSL C200 Digital-Konsole steht und hier mit der SSL Duality eine analoge Alternative am Start ist.
Warum analog? Ich dachte nicht nur die Zeiten der üppigen Plattendeals sondern auch die großer analoger Konsolen sei passé?
Das war eine strategische Entscheidung. Wir glauben, dass es hier Berlin ganz gut ist, eine analoge Konsole zu haben, weil viele Berliner Musiker auf Retro- und Analog-Sound stehen. Außerdem gab es eine sehr schöne Kooperation mit SSL, so dass die Duality sehr schnell verfügbar war. In Eichenau machen wir gerade sehr viele große Misch-Geschichten im Filmmusik-Bereich. Da ist die digitale Konsole perfekt geeignet. Aber eigentlich klingt sie auch analog und simuliert die Elemente wie EQs oder Kompressoren so gut, dass auch ein Gerhard Wölfle, der aus der analogen Welt kommt, sagen muss, dass man den Unterschied so gut wie nicht mehr hört.
Als Abhöre haben wir uns wieder für die PMC MB2S entschieden, die aber nicht wie in Eichenau in die Wand integriert sind, sondern frei stehen. Als Zweit-Abhöre dienen die KRK XT4. Zur Zeit sind die Racks noch leer aber wir wollen den gleichen hohen Standard wie in Eichenau bieten, also werden wir auch hier in Berlin bald mit dem High-End-Equipment á la Manley, Avalon, Urei, Tube-Tech, SPL, Aphex, Lake People, Lexicon und wie sie alle heißen ausgestattet sein. In diesem Punkt soll Berlin den Dorian Gray Studios in Eichenau in nichts nachstehen. Dazu kommen noch der akustisch optimierte Aufnahmeraum und eine Sprecherkabine, die sowohl für Gesangs- als auch Sprach- oder Soloinstrumentenaufnahmen zur Verfügung steht. Ergänzend zur Regie I haben wir im Untergeschoss noch ein 5.1-Surroundstudio und die Regie II für kleinere Projekte. Natürlich werden die Studios hier sowohl zur Schulung als auch für Produktionen verwendet um auch hier eine hohe Auslastung der Räumlichkeiten zu erreichen.
Bei unserem kleinen Rundgang durch die neuen Räume tauchen ausschließlich MACs auf. Dann arbeitet und schult ihr wahrscheinlich ausschließlich mit Logic oder gibt es Alternativen?
Im Office-Bereich haben wir noch normale PCs aber ansonsten arbeiten eigentlich alle Kreativen mit MACs. Wir machen es letztendlich so, wie es die Branche vorgibt. Unsere Grafiker würden einen PC nicht anfassen und auch Foto-Designer arbeiten fast alle mit Photoshop aber natürlich auf dem MAC. Sie laufen eben sehr konstant, sind sehr schnell, leistungsstark und kommen daher auch mit großen Datenmengen sehr gut zu recht. Im Tonbereich arbeiten wir mit Logic und Pro Tools von Digidesign. Im Kreativbereich kommen sehr viele mit Logic-Sessisons an, wo hingegen Pro Tools immer dann gefragt ist, wenn es um größere Aufnahmen also Recording und Mixing-Sessions geht. In Eichenau haben wir außerdem noch zwei Studers: Eine A 827 und eine A80, die wir auch noch regelmäßig nutzen. Sie dienen im Wesentlichen zur reinen Sounderzeugung. Wenn jemand einen coolen alten Gitarrensound, einen fetten Bass oder die Stimme etwas crunchy haben will, nehmen wir auf der Studer auf und überspielen das dann direkt mit guten Wandlern in die DAW, um die Nachbearbeitung auf digitaler Ebene zu machen. Das Schneiden auf Band tut sich ja heute keiner mehr an. Da darf man eben keine Fehler machen und ein schnelles Undo gibt’s nicht. Auch beim Mastering kommen die Bandmaschinen noch häufig zum Einsatz, um einen analogen warmen Sound hinzubekommen. Bevor ich das mit vielen Geräten simuliere, kaufe ich lieber eine Bandmaschine, messe die gescheit ein und dann habe ich genau den Sound, den ich haben wollte.
Wie sieht das mit den Ausbildungsmöglichkeiten hier in Berlin aus? Ist das Angebot das gleiche wie in Köln oder München?
Derzeit bieten wir 17 Berufsbilder in den sechs Bereichen Musik, Ton, Bild – also Foto und Film–, Mediendesign, Kommunikation und Management an. Es wird nächstes Jahr aber zusätzlich noch neue Berufsbilder geben. Man muss einfach insgesamt immer mehr können und viele Bereiche wachsen zusammen. Ein Beispiel ist der Video-Journalismus, was wir ab nächstem Jahr anbieten werden. Das Gute ist, dass wir nicht den ganzen Studiengang neu gestalten müssen, sondern uns der unterschiedlichen, bereits bestehenden Fachbereiche bedienen können, die für das jeweilige Berufsbild wichtig sind. Ein Video-Journalist muss sprechen und schreiben können. Außerdem muss er sich mit der Technik auskennen. Dafür kann er dann Kurse für Moderation, das redaktionelle Schreiben und zur Videoerstellung belegen und hat am Ende das Handwerkszeug, was er für seinen Beruf braucht. Wir wollen die einzelnen Bereiche weiter aufbohren, um dann nächstes Jahr bis zu 40 unterschiedliche Berufsbilder anbieten zu können. Da freue ich mich schon sehr drauf.
Das hört sich nach einem perfekt vernetzten System an, das besonders auf die Nutzung von Synergien setzt. Die Kombination der verschiedenen Lehrinhalte ergibt dann immer das jeweilige spezi?sche Berufsbild. War das von Anfang an so geplant?
Ich wollte eigentlich nie eine Akademie gründen. Ich suchte damals Mit-arbeiter für die Studios. Es war dann wieder einer von diesen Tagen, wo zwei Bewerber da waren, die eine angeblich hervorragende Ausbildung genossen hatten. Fakt war aber, dass sie mir vielleicht theoretisch erklären konnten, wie ein Tonstudio funktioniert, in der Praxis aber nicht einmal den Power-Schalter der Geräte gefunden haben. Das hat mich sehr geärgert. Am gleichen Tag kam dann auch noch ein junger Bursche rein, der sich für ein Praktikum vorstellte. Er wolle gerne mit mir in der Regie abhängen und ein bisschen zugucken, um dann später meine Jobs zu übernehmen. Dafür wollte er damals auch noch 500 Mark haben. Natürlich suchte ich jemanden, der mich gegen Bezahlung entlastete, damit ich mich mehr um administrative Tätigkeiten kümmern konnte. Da ich an diesem Tag dann echt schlecht Laune hatte, machte ich ihm den Vorschlag, dass er mir 500 Mark im Monat zahlt und ich ihn ausbilde, bis er die Jobs auch tatsächlich durchführen kann. Ich gab ihm eine Visitenkarte und sagte ihm – mit dem Gedanken, dass sich diese Angelegenheit wohl jetzt erledigt hätte –, dass er sich das überlegen und sich dann melden könne. Zwei Tage später klingelte das Telefon. Am anderen Ende war der Praktikant. Er hatte mit seinen Eltern gesprochen, die die Idee super fanden und würde gerne mein Angebot annehmen. Außerdem hätte er zwei Freunde, die das auch gerne machen würden. Dann war ich erstmal total perplex. Nach kurzem Überlegen sagte ich: „Ok, gib mir zwei Wochen und ich stelle ein richtig gutes Konzept zusammen. Dann machen wir das.“ Zusammen mit Komponisten, Produzenten und der Industrie habe ich dann ein Programm abgestimmt und erstmal mit dem Tontechnik- und Kompositions-Bereich angefangen. In der Anfangsphase riefen mich dann weitere Firmen an und fragten nach, ob sie nicht auch ihre Leute schicken könnten. Das war der Weg zur Akademie und mittlerweile ist das ein sehr großer Bereich der MSG.
Hört sich so an als hätte die Akademie ein bisschen was von der Jugendarbeit in einem Fussball-Club. Schafft ihr Euch so auch den eigenen Nachwuchs?
Ja, wir ziehen sehr viele Leute aus der Akademie, was uns selbst dann auch wieder nährt. Und zwar nicht nur Nachwuchs, sondern eben auch die, die meinetwegen BWL studiert haben und sich dann das Know-how für Medienmanagement bei der Akademie Deutschen POP aneignen. Mittlerweile fragen ganz viele Unternehmen bei uns an und fischen nach den gut ausgebildeten Absolventen. Da müssen wir dann schauen, dass wir schneller sind als die Konkurrenz.
Bekommt ihr so auch Eure Dozenten?
Nein, da sieht das etwas anders aus. Das sind ausschließlich Leute aus der Praxis. Man braucht an dieser Stelle einfach freie Mitarbeiter, die aktuell draußen Tätig sind und wissen, wovon Sie reden. Heutzutage ist das Business so schnelllebig und unsere Studenten sollen das Handwerkszeug vermittelt be-kommen, was wirklich aktuell notwendig ist.
Gibt es Pläne für weitere Standorte?
Wir sind gerade dabei in Hamburg das gleiche aufzubauen wie in München, Köln und Berlin. Das erste Stockwerk ist auch schon fertig, so dass wir gerade einziehen konnten und dann geht es weiter mit dem Ausbau.
Als nächstes kommt dann die eigene Airline, wie es Richard Branson mit Virgin gemacht hat?
Genau. Nein, Spaß bei Seite, Branson hat viel Glück gehabt, dass er in einer gewissen Zeit viele Verluste durch extreme Gewinne aus anderen Bereichen kompensieren konnte. Wir sind ganz klar im Dienstleistungsbereich unterwegs, wo solche extremen Sprünge nicht möglich sind. Aber natürlich bauen wir unser Netz immer weiter aus. Dabei sind wir von der Philosophie her sehr nah am Gedanken der amerikanischen Dienstleistung. Für uns sind Profis, Leute die ihren Job locker, mit Freude und natürlich gut machen. Es wird nicht ständig nur darüber geredet, was alles denkbar wäre, sondern es wird angepackt und gemacht. Gerade wenn Probleme auftreten, geht es bei uns immer um praktikable Lösungen und nicht darum, den Schuldigen zu finden. Selbst wenn der Kunde einen Fehler gemacht hat, muss die Kuh in dem Moment erstmal vom Eis geholt werden. Eine Lösung, die für uns und den Kunden dann gleichermaßen akzeptabel ist, gibt es eigentlich immer. Das ist glaube ich gerade für Deutschland schon etwas Besonderes.
Was wird die Zukunft bringen?
Man muss schon sagen, dass im Moment keiner genau weiß, wie das mit der Wirtschaftskrise weitergeht und was uns noch erwartet. Ich habe zwar keine Angst, aber durchaus Respekt vor den Entwicklungen auf dem Weltmarkt. Man darf das Ganze nicht Unterschätzen und muss erstmal abwarten, ob die Politiker das globale Problem in den Griff bekommen. Je nach dem gibt es dann unterschiedliche Pläne: Entweder geht es weiter wie immer, man muss abspecken oder aber sogar sehr deutlich überlegen, in welchen Bereichen man radikal Sparen muss. Das heißt aber niemals, dass man nicht weiter nach vorne geht, sondern höchstens, dass man es schlanker macht. Jetzt eröffnen wir erstmal in Hamburg den neuen Standort und dann sehen wir weiter. Läuft’s gut, ist als nächstes das europäische Ausland eingeplant. Wichtig ist, dass es weitergeht. Stillstand gibt es aber mit Sicherheit nicht.
Herr Veith, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.
Technische Details aus erster Hand
Im Gespräch mit dem Senior Audio Engineer und Studioleiter der Dorian Gray Studios, Eichenau Gerhard Wöl?e, erfahren wir weitere spannende Hintergrundinformationen zum Studiobau in Berlin und dem Equipment, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen:
Warum habt ihr euch in Berlin für die analoge Duality-Konsole von SSL ent-schieden? Bietet eine digitale, wie die C200 in Eichenau nicht wesentlich flexiblere Möglichkeiten?
Die Frage könnte man auch anders herum stellen, also warum haben wir uns in Eichenau für eine C200 entschieden? Damals lag der Fokus ganz klar auf der Flexibilität, den Ausbaumöglichkeiten – mittlerweile habe ich 96 Inline-Kanäle in meiner C200 –, den Automationsfeatures und Funktionen, wie beispielsweise die schnellen Recalls. Also vieles, was eben erst durch digitale Strukturen möglich wird und was ich bei großen und dann auch noch häu?g wechselnden Projekten heute nicht mehr missen möchte. Trotzdem wollten wir natürlich auch klanglich keine halben Sachen machen und wirklich jeder, der mit mir hier bisher gearbeitet hat, ist begeistert vom Klang und vom Work? ow der C200. Für unser neues Studio in Berlin standen aber etwas andere Schwerpunkte und Überlegungen im Vordergrund: Zum Einen wollten wir, obwohl die Grundstruktur natürlich schon ähnlich ist, keine reine Kopie des Eichenauer Studios bauen, sondern insgesamt ein etwas anderes Konzept fahren, das natürlich für sich alleine stehen soll, aber auch sehr gut in Ergänzung mit Eichenau funktionieren kann. Warum soll man also nicht aus Gründen des persönlichen Geschmacks oder auch nur aus logistischen Gründen auf der Duality in Berlin recorden und dann auf der C200 in Eichenau zum Mischen die Vorteile digitaler Strukturen nutzen? Zum Anderen ist in den letzten Jahren – zumindest wenn wir über Rock- oder Popproduktionen sprechen – wieder ein kleiner Trend zu analogem Equipment zu erkennen. Es wird häu?g wieder mehr analoges Outboard verwendet und weniger Plug-ins benutzt. Ich selbst habe in Eichenau auch jede Menge analoges Zeug am Start, welches ständig im Einsatz ist. Warum also dann nicht gleich eine große Analogkonsole verwenden? Außerdem wollten wir mit SSL und PMC natürlich wieder die gleichen hochwertigen Grundvoraussetzungen schaffen, für die das Dorian Gray Studio 1 in Eichenau bereits steht.
Die analoge Konsole wird doch auch zu Schulungszwecken verwendet. Ist das in einer zunehmend digitalen Praxis noch zeitgemäß?
Für die Akademie DeutschePOP, die das Studio für Tontechniker- und Tonmeisterausbildung nutzt wäre mir eine C200, zumindest was die Gesamtstruktur betrifft, doch etwas zu komplex. Da hat eine klassische Analogkonsole didaktisch auf jeden Fall Vorteile. Gerade die Duality bietet hier einiges, was für Schulungszwecke sehr sinnvoll ist. Beispielsweise hilft die grafische Darstellung des Signalflusses, die für jeden Kanal in den Metering-Displays angezeigt wird, ungemein, um bestimmte Sachverhalte bildlich zu erläutern. Generell liefert die Duality sehr viele optische Rückmeldungen darüber, wie das Pult gerade konfiguriert ist. Sehr gelungen finde ich außerdem die Integration der DAW-Steuerung in die klassische analoge Pultoberfläche. Für den normalen Recording- oder Mixing-Workflow kann man die Computertastatur fast gänzlich vernachlässigen, was ich persönlich sehr angenehm finde. Zusätzlich zur klassischen Fader-Automation am Pult kann man mit Hilfe der Duality auch vieles in der DAW automatisieren, was wiederum neue und teilweise auch schnellere Workflows schafft. Insgesamt ?nde ich im übrigen das Konzept, eine über Jahrzehnte bewährte Analogkonsole (SSL 4000/9000) an heutige Studioverhältnisse anzupassen, das Ganze um einige Features zu erweitern, mit absolut ausreichenden DAW-Steuerungsmöglichkeiten zu verbinden und eine zentrale Routingmatrix wie in der C200 mit einzubauen sehr modern. Außerdem ist die Duality für mich eine gelungene Symbiose aus klassischem Mischpult und heute oft üblichen und notwendigen Controllern, mit schon fast allem, was ich mir als Zentrum eines modernen und professionellen Musikproduktionsstudios vorstelle. Die C200 geht dann, was Flexibilität, Automations- und Recall-Möglichkeiten sowie Systemstruktur betrifft natürlich noch ein paar Stufen weiter. Je nach persönlichen Präferenzen und Produktionsanforderungen zeigen beide Konsolen ihre Stärken. Insofern schön, beide zu haben.
Welches Outboard ist für Berlin geplant?
Zusätzlich zu dem, was jetzt bereits in den Racks ist, wird in den nächsten Wochen und Monaten natürlich mehr und mehr dazukommen. Mit Sicherheit noch der ein oder andere Kompressor beispielsweise von Universal Audio oder einen Preamp von Avalon. Dann noch das ein oder andere Hallgerät oder Delay. Da viele meiner Kollegen ja mittlerweile häufig ihre eigenen Racks dabei haben, – jeder hat da so seine eigenen Schätzchen – haben wir uns erstmal auf eine solide Grundausstattung beschränkt. Aber mit der Duality ist ja schon mal vieles da, was man für eine vernünftige Produktion braucht. Das vergessen viele Leute heutzutage. Wenn man eine große SSL-Konsole vor sich hat, ist nicht mehr viel notwendig, um eine ordentliche Produktion zu fahren. Alles andere ist dann eine Geschmacks- oder Soundfrage und wird natürlich mit den Anforderungen mit der Zeit wachsen wie auch schon in Eichenau. Eigentlich ist ein Studio nie wirklich fertig.
Welches Outboard gehört zu Ihren Schätzchen?
Ich selbst besitze einiges an altem analogen Outboard, das ich ständig benutze. Dazu gehören beispielsweise ein Compex Limiter und Vocal Stresser von Audio Design aus den 1970-ern, eine Ursa Major Space Station, Hallplatten und Tape Delays. Ansonsten schätze ich das, was im Studio 1 in Eichenau steht, also diverse Urei´s und beispielsweise den Manley Massive Passive, den Vintage Design CL1MK2 Kompressor oder das Lexi-con 960. Für klangliche Akzente beim Recording nutze ich auch gerne externe Preamps, wobei ich die SSL eigenen Vorverstärker qualitativ schon absolut top finde.
Ist die Patchbay eine Sonderanfertigung?
Der Aufbau der Patchbay ist wie der Rest der Verkabelung von mir geplant. Den zusätzlichen Anbau dafür am Pult links hat unser Schreiner nach meinen Vorgaben gefertigt.
Welche DAW verwendet ihr? Wie sieht’s mit den Wandlern aus?
ProTools in allen Studios außer beim Mastering. In Eichenau wandelt die C200, dann geht´s über AES/EBU in die Digidesign 192 Digital I/Os zum ProTools. In Berlin arbeiten dagegen die 192 I/O von Digidesign als Wandler, andere sind natürlich für besondere Anwendungen denkbar, aber im Moment erstmal nicht geplant. In Eichenau benutzen wir im Studio 3 beispielsweise einen ADA-8 von Prism Sound als Input-Wandler für 16 Ka-näle. Der gleiche kommt ebenso im Mastering-Studio (Studio 2) zur AD/DA-Wandlung zum Einsatz.
Wie sieht das mit den guten alten Bandmaschienen von denen Rüdiger Veith gesprochen hat im Detail aus?
In Eichenau haben wir eine Studer A827 Zweizoll und eine A80 Halbzoll im Studio 1, sowie eine A80 Zweizoll im Studio 3. Alle Maschinen laufen immer wieder mal. Beim mischen kommt vor allem die Halbzoll zum Einsatz, was von mir aus gerne öfter sein könnte. Das ist natürlich heutzutage eine klare Budgetfrage geworden wird aber wieder öfter angefragt. Die A80 24-Spurmasciene wird auch von den Studenten der Akademie regelmäßig für deren Abschlussproduktionen benutzt. Leider ist es für die jetzt kommenden Generationen mangels Möglichkeiten nicht einfach, eine gewisse Routine im Umgang mit Bandmaschinen und analogem Recording zu erlangen. Ein Grund, warum ich genau das auch immer noch an der Akademie unterrichte und das Interesse an diesem Thema ist bei den Studenten sehr groß. Insofern wird es auch in Berlin mittelfristig eine analoge Maschine geben.
Wie lange hat der Ausbau des neuen Studios insgesamt gedauert? Gab es irgendwelche Probleme bei der Planung und der Umsetzung?
Der Ausbau begann bereits im Frühjahr 2008 mit dem Legen des schwimmenden Estrichs in den beiden 50 Quadratmeter großen und klimatisierten Räumen (Regie und Aufnahmeraum) und zog sich wegen einiger Bauverzögerungen dann bis September hin. Wirkliche Probleme aus Studiosicht gab es aber nicht.
Die Grundstruktur der Verkabelung entstammt meiner Planung für die Dorian Gray Studios in Eichenau, musste aber natürlich an die Duality-Umgebung angepasst werden. Sämtliche Kabel wurden von uns selbst gelötet oder gecrimpt und soweit möglich bereits vor der Studioinstallation gefertigt. Die Installation der gesamten technischen Ausstattung – vom leeren aber akustisch bereits ausgebauten Raum bis zum fertigen Studio – dauerte insgesamt 14 lange Tage. Da hieß es Kabel ziehen und Stecker au?öten – was dann immer noch jede Menge war–, das Pult installieren, nach und nach alles anschließen, hochfahren und schließlich das Setup testen.
Gibt es sonst noch irgendwelche Besonderheiten? Was war Ihnen bei der Planung besonders wichtig?
Wie in Eichenau gibt es auch in Berlin einen Maschinenraum. Eine heutzutage leider nicht mehr so ganz normale, mir aber sehr wichtige Sache. Dort findet sich alles, was irgendwie Lärm macht, damit im Regieraum absolute Ruhe herrscht. Da die Wege zwischen Maschinenraum und Regie für Monitor- oder Tastaturverbindungen relativ lang sind, benutzen wir Extender von Geffen, mit denen ich auch schon in Eichenau gute Erfahrungen gemacht habe. Die wandeln im Maschinenraum alles in CAT5-Signale und in der Regie wieder entsprechend zurück, wodurch auch sehr lange Kabelwege möglich sind. Mir ist bei einer Studioverkabelung immer wichtig, dass es einen festen funktionierenden Grundstatus gibt, der aber trotzdem eine offene Struktur hat. Will heißen, die wesentlichen Punkte im Signal?uss in Form von Steckfeldern zur Verfügung stellt, um schnell alle möglichen Produktionsanforderungen zu erfüllen und das, ohne das halbe Studio umbauen zu müssen. Das hat sich in meinen frühen Tagen im Union Studio ebenso bewährt wie im Studio 1 in Eichenau oder jetzt in Berlin.
Vielen Dank, Gerhard Wölfle, für die ausführlichen Hintergrundinformationen.
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